CS 620Q zu schnell

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    • CS 620Q zu schnell

      Hallo Dualisten,
      Grüße aus Bulgarien! ;)

      Bin seit 2 Wochen stolzer Eigentümer eines CS 620Q. Nach Reparatur des Steuerpimpels geht die Automatik jetzt ganz prima. :)
      Optisch sieht das Gerät sehr gepflegt aus. Klingt auch so gut, hat ein DN165E in einem noch ordentlichen Zustand (u.U. kann ich hier in BG eine neue Nadel für 50 EUR ab Lager kaufen).
      Jetzt das Problem - der Teller dreht sich mal schneller als vorgesehen. Es gibt keine Gleichlaufschwankungen, ganz stabiler Lauf. Ich hab die Serviceanleitung runtergeladen und im Schaltbilds EDS 910 ist nur ein Potentiometer PM 12 zu sehen.
      Meine Frage - was soll im Sicht nehmen?

      Vorab vielen Dank!

      Georgi
    • Hi Georgi !

      Willkommen in unserer kunterbunten Dual-Welt ^^
      Gucken wir mal, was wir da haben.

      Das PM12 soll die Ausgangssignale der Hallsensoren gegeneinander angleichen.

      Die Elektronik für den Spulenantrieb ist ja in zwei Hälften geteilt: Hallsensor HM08, der die Spulentreiber TM06 und TM15 betreibt und HM24, der TM21 und TM28 versorgt. HM24 ist mit einem 1K Festwiderstand RM23 im Stromversorgungskreis ausgestattet und gibt sozusagen den Pegel für das Signal zu den Treibern vor. HM24 hat die Kombination aus PM12 und RM12 in seiner Leitung liegen, wobei RM12 ein 470 Ohm Widerstand ist und PM12 ein 1K Trimmer. Damit ist es möglich, die Wirkungsstärke der Spulentreiber gegeneinander anzupassen, damit der Teller über 360° Drehwinkel gleichmäßig läuft.

      Zur Überprüfung kann man ein Zweikanal-Oszilloskop an den Spulen LM01 und LM03 oder LM02 und LM04 anschließen und gucken, wie kräftig die Impulse sind, mit denen die Spulen gegen Masse gezogen werden und ggf. nachkorrigieren.

      Der Schaltplan enthält übrigens - ein bißchen dualtypisch - einen Fehler: am Emitter von TM28 fehlt an der Leiterkreuzung zum 2.7 Ohm Widerstand RM28 ein Verbindungspunkt. Dieser Widerstand ist die gemeinsame Masserückleitung für alle vier Spulentreiber-Transistoren.

      Bei einer drastischen Fehlstellung von PM12 würde ich eher annehmen, daß es zu einer oszillierenden Drehzahländerung im Verlauf einer Umdrehung kommt, also daß die Drehung nicht gleichmäßig ist, was durch den vergleichsweise leichten Teller bei Sinustönen zu einer Art Vibrato führen könnte. Obwohl ich bei meinem 620Q und seinen gleichartig aufgebauten Brüdern sowas nie selber feststellen konnte.

      Eine -zeitlich- unregelmäßig auftretende aber kontinuierliche Abweichung von der Solldrehzahl muß also andere Ursachen haben.

      Die Ist-Drehzahl wird vom integrierten Tachogenerator ermittelt, der als Leiterbahn-Mäander unter der Magnetscheibe des Motors ausgeführt ist. Dort wird eine Wechselspannung generiert, die in ihrer Frequenz und Pegel direkt von der Drehzehl abhängig ist. Steigt die Drehzahl, steigen Frequenz und Pegel und werden im OP IM01 / LM358 auf eine proportionale Rampenspannung umgesetzt. Diese triggert den Transistor TR61 auf dem Controllerboard, der dann über den INT-Eingang des Mikrocontrollers ein Abschalten des Steuersignals und damit ein Absinken der Geschwindigkeit bewirkt. Das ist keine aktive Plus-Minus-Regelung ! Der Prozessor gibt bei fehlendem Steuersignal vom Tachogenerator einfach Gas, bis der Stellwert überschritten wird und schaltet dann ab, bis der Wert wieder unterschritten wird. Dann wird der Motortreiber wieder mit einem Steuersignal aufgeschaltet. Und so weiter.

      Diese Regelung läuft nicht ohne den Teller !
      Sie braucht die Tellermasse als Verzögerung zwischen dem Auswerten der Ist-Geschwindigkeit und dem Korrektursignal vom Prozessor. Ohne Teller läuft der Motor nur mit kurzen Rucken und Rattern.

      Wenn der Dreher "völlig Amok läuft" und 120 upm erreicht, fehlt das Tachosignal und der Prozessor fährt Volldampf voraus im "Anlaufen" Modus, erkennt aber den Moment nicht, wo die Solldrehzahl erreicht wird.

      Wenn der Dreher manchmal eine zu hohe Geschwindigkeit läuft, spricht allerhand dafür, daß das Signal vom Tachogenerator nicht vollständig erkannt und ausgewertet wird. Damit ist die erzielte Rampenspannung zu klein und über TR61 wird der Controller zu spät davon informiert, daß die Solldrehzahl erreicht ist. Da würde ich mir mal den Auskoppelkondensator CM47 / 10µF (vermutlich 10V) und die beiden 1µF Elkos CM44 und CM52 angucken. Das sind in der Auswerte-Elektronik die einzigen Bauteile, die durch Alterung einen Einfluß auf das vom Tachogenerator gewonnene Signal *haben könnten*.

      Dann ist es bei dieser Gerätefamilie eine gute Idee, die beiden Hauptkondis gegen neue zu tauschen, wenn das noch die alten senkrecht stehenden "ROE" Rollen in messingfarben sind. Das sind CP01 und CP12. Beides sind 1000µF, für beide kann man ruhig neue Typen mit 40V Spannungsfestigkeit nehmen, da moderne Typen meistens in der Bauform kleiner sind, als das, was Anfang der 80er verwendet wurde.


      ^^
      Peter aus dem Lipperland

      Solo mio, vendro unscrupuloso, custombres sansaclu.
    • Morgen Peter!

      Eine so ausführliche Beschreibung hab ich noch nie gelesen! :) Vielen Dank!
      Also die Geschwindigkeit ist immer stabil, aber bisschen schneller als normal. Ich nabe so das Gerät eingekauft.
      In diesem Falle werde ich deine Rate folgen und die Kondis CM 44, 47 und 52 erneuern. Mal sehen was daraus kommt.

      Beste Grüße!
      Georgi
    • Hi Georgi !

      montex schrieb:

      Eine so ausführliche Beschreibung hab ich noch nie gelesen! Vielen Dank!
      Tja ... "Mach' mal dies, versuch' mal das" kann ja jeder.

      Aus meiner Sicht ist es nützlicher, wenn man mal etwas tiefer in die Schaltung guckt, um nachvollziehbar zu machen, *warum* man dieses oder jenes vorschlägt. Das verbessert das Verständnis für die Wirkweise selber.

      Der 620Q wird gerne - auch von mir - immer mal wieder als "Plastikbomber" bezeichnet. Gut, das Gerät ist ein Kind seiner Zeit, als Plattenspieler schon etwas auf der Verliererseite der Audiotechnik zu stehen schienen und man vom massiven Materialeinsatz für die Chassis abkam, um die Kosten zu dämpfen.

      Nichts desto trotz ist er mit seiner Technik und den damit erzielten Leistungsdaten auch heute noch im oberen Mittelfeld zu finden und schlägt leicht und locker jeden "modernen" Dreher bis in die 500-Euro-Klasse - oder darüber. Mit dem 1/2" Armkopf findet man immer noch passende Tonabnehmer, wenn einem die ULM-Systeme nicht zusagen.

      Seine Probleme sind a) Plastik-Alterung (sieht manchmal abgerockt aus, Kleinteile der Mechanik zerbrechen), b) kleinere elektronische Mängel und c) die Nicht-Mehr-Verfügbarkeit der Prozessoren für die Steuerung.
      Ich weiß nicht, ob Dualfred noch Platinen dafür hat, aber wenn es die Prozessorplatine niederstreckt - gern durch gealterte Elkos - dann wird es dumm. Daher muß man bei einem noch laufenden 620Q / 630Q / 2225Q oder 2235Q im ersten Arbeitsgang die beiden dicken Kondensatoren in der Stromversorgung tauschen. Vielleicht noch eine Handvoll anderer auf den beiden Boards austauschen und ggf. die eine Z-Diode DP16 ersetzen und die dann mit deutlichem Abstand zum Board montieren. Die entwickelt viel Hitze und das Board ist darunter öfters schön kroß geröstet. Da das ein Plattenspieler und kein Toaster ist, sollte man an der Stelle Abhilfe schaffen ...

      Viel Erfolg bei dem Eingriff.
      Ich bin mal gespannt, ob es tatsächlich daran liegt und lerne auch immer noch gerne was dazu,


      :D
      Peter aus dem Lipperland

      Solo mio, vendro unscrupuloso, custombres sansaclu.
    • Hi Peter,

      Ich werde deine Raten ganz ordentlich folgen und über die Ergebnisse Info geben.
      Ja, macht Sinn mehr Kraft in das Gerät werfen - es wird sowieso geöffnet und für mich wäre von Vorteil die Technik von innen mal sehen! Die wichtigen gealterten Komponente ersetzen und dann sehen was daraus kommt.

      Obwohl ich schon echte 52 Jahre alt bin macht mir dieses Basteln noch immer spaß... ;)

      Grüße aus Plovdiv - wir genießen das letzte echt warme Wochenende hier - rund 25 Grad!! :D
      Nächste Woche wird es kalter .... :/ Herbst soll ja endlich hier auch kommen!

      Georgi
    • Hi Georgi !

      montex schrieb:

      Obwohl ich schon echte 52 Jahre alt bin macht mir dieses Basteln noch immer spaß...
      Mit 52 liegst Du "im guten Mittelfeld". Einige hier haben die 70 schon überschritten und sind noch begeistert dabei.

      (Ich liege mit 59 am Ende vom Mittelfeld ...)

      :D
      Peter aus dem Lipperland

      Solo mio, vendro unscrupuloso, custombres sansaclu.
    • wacholder schrieb:

      Hi Georgi !

      montex schrieb:

      Obwohl ich schon echte 52 Jahre alt bin macht mir dieses Basteln noch immer spaß...
      Mit 52 liegst Du "im guten Mittelfeld". Einige hier haben die 70 schon überschritten und sind noch begeistert dabei.
      (Ich liege mit 59 am Ende vom Mittelfeld ...)

      :D
      Denn würde ich dein Alter lieber als 'Obere Mittelklasse' im Dual-Sinne schätzen.... :D
    • Hi Georgi !

      montex schrieb:

      Denn würde ich dein Alter lieber als 'Obere Mittelklasse' im Dual-Sinne schätzen....
      Gut. So kann man das auch sehen. ^^

      (Der Ludger ist auch nur etwas mehr als ein Monat älter, wie ich ...)

      Richtig alt fühle ich mich auch nur morgens vor dem Aufstehen und vor dem ersten Kaffee.
      Danach geht es dann einigermaßen.

      :D
      Peter aus dem Lipperland

      Solo mio, vendro unscrupuloso, custombres sansaclu.
    • Neu

      Morgen alle!

      Kaffee ist fertig, sowie ich auch für den Bericht über das Basteln. Ich mußte mal Zeit haben um die neuen NICHICON Elkos zu bestellen und zu kriegen. So gestern ging es los...
      Nach dem Entfernen der vorneren Plastik - Teilen konnte ich die Sachen innen mal sehen - nach dem ersten Blick keine Schaden, Putz oder anders ungewöhnt. So habe die Steuerplatine rausgenommnen und die Elkos ausgetauscht. Dann ging es weiter mit der Mechanik. Die Resten vom alten Fett weg und neu mit Vaseline geschmiert. Es war mir interessant wie die Steuerpimpel aussieht - Grund davon war die manchmal unsichere Startbewegung der Automatik. So...die Pimpel ist (meiner Meinung nach) irgendein Ersatz im blau. Sieht nich beschädigt aus. Sollte neu sein (laut Aussage des Verkäufers). Hir wird eure Meinung (Peter´s besonders) sehr hoch geschätzt!!
      Ich habe hier im Forum mal gelesen, das die Pimpel genauso das selbe ist wie das Stück am oberen Ende der Liftstange! Falls so könnte man das auch nutzen bis das richtig passende Teil gekriegt wird?

      Was das Wigtigste als Ergebnis vom Reparieren angeht - die leicht schnellere Geschwindigkeit - ist wirklich weg! Bin mal stolz darauf und Peter´s Nachweise sehr dankbar! ^^

      Bilder vom Dreher sind im Anhang.

      Grüsse aus BG!
      Georgi
      Bilder
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    • Neu

      Hi Georgi !

      montex schrieb:

      Was das Wigtigste als Ergebnis vom Reparieren angeht - die leicht schnellere Geschwindigkeit - ist wirklich weg!
      :thumbsup: :thumbup: :thumbup:

      Sehr gut. Wieder einen gerettet.

      montex schrieb:

      So...die Pimpel ist (meiner Meinung nach) irgendein Ersatz im blau. Sieht nich beschädigt aus. Sollte neu sein (laut Aussage des Verkäufers). Hir wird eure Meinung (Peter´s besonders) sehr hoch geschätzt!!
      Ich habe hier im Forum mal gelesen, das die Pimpel genauso das selbe ist wie das Stück am oberen Ende der Liftstange! Falls so könnte man das auch nutzen bis das richtig passende Teil gekriegt wird?
      Der Ersatzpimpel ist schlichtweg viel zu lang.

      Man *kann* den Liftpimpel nutzen, aber dann fehlt der an der Stelle und die Reaktion des Tonarms ist danach auch etwas unberechenbar. Ich würde *diesen* blauen Pimpel mal um die Hälfte kürzen, dann müßte es gehen. Bei der Länge drückt der viel zu früh gegen das Ende der Führung und leistet Widerstand, wo er noch ein Stück einfedern sollte.

      Schönen Sonntag !

      ^^
      Peter aus dem Lipperland

      Solo mio, vendro unscrupuloso, custombres sansaclu.